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Die Sehnsucht nach dem Süden

Kennst du das Land?

Gegen fünfzig vor Christus fingen einige gallische Stämme an nach Süden zu ziehen. Diese kleine Völkerwanderung wurde von Cäsar gestoppt, die Gallier mussten zurück in ihre Heimat gehen. Ideengeber des Unternehmens war der starke Mann der Helvetier, Orgetorix. Ihm ist ein Gedicht gewidmet, das wir in der Schule auswendig lernen mussten und von dem ich noch immer einige Zeilen aufsagen kann. Im überschwenglichen Stil der Romantik wird da die Sehnsucht des Menschen im Norden nach dem Reichtum und der Üppigkeit des Südens besungen. «Wo die Traube reift, wo die Mandel blüht, / Wo des Mädchens schwarzbraunes Auge glüht, / wo nimmer die Schneeflocke fällt, – / Helvetiens Mannen, dahin, dahin, / in die gallischen Lande laßt uns ziehn!» Alfred Hartmann ( 1814-1897): Orgetorix

Näher liegt Ihnen vielleicht Goethes «Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?», an dem sich Alfred Hartmann ganz offensichtlich bedient hat. Goethe wurde mit seinem Bericht über seine Italienreise der erste Botschafter von Italiens Schönheiten im Deutschland. Allerdings war das Reisen im 18. Jahrhundert mühsam und teuer und darum den Wohlhabenden vorbehalten. Trotzdem wurde die Italienreise und insbesondere der Besuch Roms beinahe zur Pflicht. Zur Pilgerreise etwa? Ich denke sofort an die Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka.

Erst das Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre und das Automobil machten die Reise in den Süden auch für den Normalsterblichen möglich. Und ab da verstopfen nun die Autokolonnen die Strassen vor den Alpentunnels und den Mautstellen. Was ist es denn, was die Urlauber alljährlich in Scharen in den Süden ziehen lässt? Was sie all die Ungemach einer solchen Fahrt auf sich nehmen lässt? Wer den Winter im Norden kennt, kann die Sehnsucht nach Sonne und Wärme wohl gut nachvollziehen. Es scheint aber auch ein Zauber im Süden zu liegen, eine Leichtigkeit des Seins, eine Lebensfreude, eine erotische Üppigkeit. Wikipedia widmet der «Italiensehnsucht» eine eigene Seite und zählt auf, wer alles da war: Dichter, Komponisten, Architekten, Archäologen. Gefolgt von Millionen von Touristen. Italien eine Gegenwelt?

«Deutschland ist eine Land der Ordnung. Und da gehört eben jeder in ein Schubfach, Und es gilt in Deutschland als ein bisschen unseriös, sich nicht für ein Schubfach entschieden zu haben.» Loriot in einem seiner Interviews. Mein Schwiegervater drückte es so aus: «Nur keine Wellen, nur keine Aufregung!» Ich erkenne mich da durchaus selber. Und Sie?

Und wir selber? Selbstverständlich hat auch uns eine diffuse Sehnsucht nach dem Süden gelockt. Nur schon die Aussicht, nie mehr Schnee schaufeln zu müssen, war eine Verlockung. Aber wenn ich jetzt behaupte, wir hätten bewusst den Süden und die Leichtigkeit des Seins gesucht, bin ich ein Schwindler. Nein, das Périgord ist uns eher zugefallen. Ich werde Ihnen davon erzählen!

Périgord = Süden?

Richtig, besser wäre allerdings vom Südwesten zu reden. Bei Goethe ist der Süden gleichbedeutend mit Italien und da mit Neapel und Rom und das Mittelmeer. Dann eroberten die Touristen aus dem Norden im 20. Jahrhundert auch die Adria, die Toskana, vielleicht dann auch Griechenland, erst später auch die Provence mit der anschliessenden Mittelmeerküste. Der Südwesten blieb lange den Franzosen selber vorbehalten und das ist tendenziell wohl heute noch so.

Wie ist es denn nun genau, wo beginnt der Süden? In Frankreich beginnt der Süden am 45. Breitengrad, oder anschaulicher auf einer Linie von Bordeaux nach Lyon. Der Streifen von gut 200 Kilometern Breite bis zu den Pyrenäen und zum Mittelmeer ist Südfrankreich. Wir überfliegen jetzt in Gedanken diesen Streifen von West nach Ost.

Die Grenze zum Meer bildet der 200 Kilometer lange Sandstrand der Landes, gefolgt von unendlichen Pinienwäldern. Wir folgen der Garonne durch eine weite und fruchtbare Ebene, im Süden begrenzt von den Pyrenäen mit Gipfeln bis über 3000 Metern. Das Land Ihrer Sehnsucht liegt hier, im Norden dieses Streifens, eine gute Autostunde von Bordeaux und vom Atlantik entfernt. Beim Weiterflug entlang der Garonne werden jetzt vor uns die Ausläufer des «Massif Central» sichtbar, sie reichen fast bis zum Mittelmeer. Jetzt kommen wir ins Tal der Rhône und damit in die Provence mit ihren weiten Ebenen und den in den Reiseführern erwähnten Lavendelfeldern, Avignon und dem Pont-du-Gard. Das Land steigt jetzt an zu den Alpen, die gegen das Mittelmeer schroff abfallen. Nur ein schmaler Streifen, die Côte d‘Azur, die blaue Küste, ist weltweit bekannt als vornehme Wohngegend.

Das Klima in diesem Streifen ist keineswegs einheitlich. Der Westen ist vom Atlantik beeinflusst feucht, die Winter sind nass und neblig, ausser in den Höhenlagen fällt aber kaum Schnee. Auch im oft heissen Sommer sind die Nächt kühl und angenehm und bringen angenehmen Ausgleich zum Tag. Die letzten zwanzig Jahre haben spürbare Wetterveränderungen gebracht, es ist schwieriger geworden, Voraussagen zu machen.

Die Gebiete am Mittelmeer sind deutlich trockener und wärmer als der Westen, im Rhônetal kann es im Sommer quälend heiß sein, im Winter dafür wunderbar mild. Zwei Mal im Jahr bläst der Mistral durch das Tal und bringt Waldbrände, Migräne und anderes Ungemach.

Périgord = Süden = warm

Seien Sie gleich gewarnt: Die obige Gleichung ist zu allgemein und darum falsch! Sie stimmt meist im Hochsommer, manchmal in der Übergangszeit und nie im Winter!

Über das ganze Jahr ist unser Wetter wechselhaft, so wie es zum atlantischen Klima eben gehört. Der Winter ist kalt, regnerisch und neblig. Schnee und ausdauernden Frost haben wir allerdings schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Der Sommer ist heiß, oft drückend schwül, aber in der Nacht kühlt es immer ab. Die alten Périgord-Häuser haben dicke Mauern und kleine Fenster und sind gut ans Klima angepasst. Wenn Sie nachts die Fenster öffnen und tagsüber die Läden schliessen, können Sie im August das Haus sogar wirklich kühl halten.

Aber die Wintermonate sind keine erbauliche Ferienzeit im Périgord. Wir hatten Gäste aus München, die im März über den Brenner in den warmen Süden fuhren und dann in Italien jämmerlich froren. Die Sonne war gerade in Revision, das Hotel hatte keine Heizung, die Gastgeberfamilie hockte in der Küche vor dem Cheminée, die einzige Wärmequelle im Haus. Und die beiden Münchner fuhren bei voll aufgedrehter Heizung mit dem Auto herum und wärmten sich auf. Irgendwann hatte die Hoteliersfamilie ein Einsehen und es wurde ein schöner Urlaub vor dem Kamin inmitten dieser Familie, aber sie wiederholten den Versuch trotzdem nicht.

Genau das kann Ihnen auch im Périgord passieren! Zwar müssen Sie möglicherweise hier nicht frieren, weil Ihre Bleibe eine ordentliche (Elektro-)Heizung hat. Aber der Winter ist meist trübe und nass und zuweilen auch neblig – kurz unfreundlich, wenn auch mit viel Dynamik. Fazit: Suchen Sie im März den Sonnenschein besser in Marokko, das Périgord ist dann keine glückliche Wahl!

Périgord = Süden = Mücken

Richtig! Und nicht nur das: Fliegen, Wadenstecher (Stomoxys calcitrans), Bienen, Bremsen, Wespen und Hornissen (europäische und asiatische) mögen die Wärme und werden für Sie da sein. Grundsätzlich können Sie davon ausgehen, dass die Insektenplage gegen Süden zunimmt und Sie sich schützen müssen, insbesondere wenn Sie auf Insektenstiche allergisch reagieren. Bedenken Sie aber, dass von all dem Gefleuche nur die blutsaugenden Exemplare - also Mücken und Bremsen - es wirklich auf Sie abgesehen haben. Wespen und Hornissen sind Nahrungskonkurrenten und interessieren sich für das Fleisch und die Marmelade auf Ihrem Teller und den Bienen und Hummeln sind Sie total schnuppe.

Ich erinnere mich an Gäste, die bei ihrer Ankunft über allen Betten Moskitonetze aufhängten – keine schlechte Idee! In den Schlafzimmern sorgt allerdings auch ein Spray für eine ungestörte Nacht. Auch im Freien brauchen Sie etwas zur Mückenabwehr und zur Behandlung der Stiche, aber da kennen Sie sich sicher aus.

Falls Sie Schlangen, Eidechsen, Mäuse, Ameisen und andere kleinere Haustiere auch zum Ungeziefer zählen, rechnen Sie mit einer Begegnung! Viele «Gîtes rurales» sind restaurierte alte Häuser, ehemalige Ställe oder Wirtschaftsgebäude. Mäuse in den Küchenschubladen sind da fast unvermeidlich und Sie sollten solche Begenungen darum von der sportlichen Seite nehmen. Verlangen Sie eine Mausefalle und gehen Sie auf die Jagd, das kann sogar aufregend sein. Und vor Schlangen schützen Sie sich mit langen Hosen und gutem Schuhwerk.

Périgord = viele Farbige

Richtig, allerdings gilt das für ganz Frankreich. Es leben hier sehr viele Menschen aus den ehemaligen Kolonien in Afrika, im Pazfik und aus Vietnam. Unsere Hausärztin stammt aus dem Sudan, mein Kardiologe ist ein Vietnamese und im Supermarkt füllt ein Schwarzer die Waren in die Gestelle. Diese Menschen gehören zu unserem Leben.

Périgord = Süden = Schlampigkeit und Dreck

Falsch! Gar keine Frage, einem in der Wolle gefärbten Preussen muss das so erscheinen. Der asketische Protestantismus Calvins sieht im unbefangenen Lebensgenuss der Menschen im Süden eine Herausfoderung und eine Verführung. Schon Goethe berichtete darüber: Die Menschen im Süden haben ihre ganz eigene Einstellung zur Arbeit und zum Leben: Sie arbeiten um zu leben und leben nicht um zu arbeiten. Leben bedeutet hier, die angenehmen Seiten des Daseins zu geniessen, die Familie ist wichtig, die Kinder, das Essen und Trinken, das Haus.

Auch hier wird hart gearbeitet, auch hier entstehen gute Produkte, nur unterwirft man sich dem Terror der Arbeit nicht, sondern erledigt sie tänzelnd und mit Charme, versteht sie als Herausforderung, aber nicht als Fron. Ich bin ja im zwinglianischen Zürich aufgewachsen und habe den Ernst des Lebens früh gelernt. Und dann begegnete ich hier M Rigal, dem Besitzer der Sägerei im Dorf, der mir in aller Selbstverständlichkeit für einige Francs einen Bund Dachlatten verkaufte und einen langen Schwatz mit mir hielt. Und als ich meinte, er wolle doch sicher weiterarbeiten, meinte er nur, Plaudern gehöre auch zum Leben wie Essen und Trinken.

Wenn meine Mutter meinen Vater tadelte, weil er unrasiert oder mit schiefer Krawatte herumlief, pflegte er zu sagen: «Die Hauptsach ist, wenn s Herz rein ist!» Diese Haltung können Sie hier oft spüren. Zwar sind die verbeulten 2CV von den Strassen verschwunden, seit die «Contrôle Technique» sie wegen Rost und kaputter Bremsen aus dem Verkehr zieht, aber mit so Äusserlichkeiten wie abblätternder Farbe am Haus, Unkraut zwischen den Platten im Garten oder Löchern in den Strassen kann man gut leben. Aufs Innere kommts schliesslich an!

Sie sehen: Ich musste viel lernen am Anfang, ohne Anpassung an die südliche Mentalität geht’s nicht. Öffnen also auch Sie sich der Leichtigkeit des Südens während Ihres Aufenthalts, lassen Sie sich anmuten und geniessen Sie es, einmal weit weg von Preussen zu sein. Lassen Sie also das Unkraut rund um Ihr Gîte herum ruhig spriessen, es hat ein Lebensrecht!

Périgord = andere Zeiten

Richtig und wichtig! Das Périgord liegt wie Berlin in der mitteleuropäischen Zeitzone, beide haben also dieselbe Uhrzeit, nach der sich die öffentlichen Verkehrsmittel richten – kein Problem also. Aber zwischen dem Périgord und Berlin liegen fast 15 Längengrade, also eine Zeitzone oder «eine Stunde Zeit». Das bedeutet, dass hier die Sonne eine Stunde später aufgeht als in Berlin.

Das braucht Sie nicht wirklich zu erschüttern, es hat aber im Alltag seine Konsequenzen. Die wichtigste: Die Sonne steht hier nicht um 12 Uhr im Zenit sondern im Winter um 13 Uhr und im Sommer um 14 Uhr. Die heisseste Zeit des Tages liegt also zwischen 14 und 19 Uhr, die Zeit der «Siesta», wo der Südländer im kühlen Schatten oder im Haus bleibt und die Geschäfte schliessen. Und nochmals das Rezept für das kühle Haus: Nachts alles auf, tagsüber alles zu. Der moderne Mensch allerdings überspringt diese Klippe mit Hilfe einer Klimaanlage und zum Preis eines Sommerschnupfens.

Wenn Sie es gewohnt sind, dass Ihre EDK-Filiale bereits um sieben Uhr öffnet, müssen Sie umlernen: Vor 8.30 oder 9 Uhr geht nur beim Bäcker die Türe auf, dafür können Sie abends bis 20 Uhr oder noch länger einkaufen. Im Restaurant ist zwischen 13 und 14.30 Uhr Mittagsservice und ab 19.30 Abendessen. Wenn Sie ausgerechnet punkt 16 Uhr einen durch akuten Blutzuckerabfall ausgelösten Hungerast haben, kann es Ihnen passieren, dass nur McDonalds sie rettet. Kein fauler Witz – ist uns mehrmals passiert!

Périgord ≠ Paris

Richtig! Paris mag der Nabel der Welt sein, aber Paris ist nicht Frankreich. Und schon gar nicht das Périgord! - dieses war im Mittelalter eine Grafschaft, dünn besiedelt mit eher armen Bauern und ihren genauso armen Herren. Bis Paris waren es schon damals 500 Kilometer oder 15 anstrengende Tagesmärsche, die wohl nur die für Napoleons glücklose Heere aufgebotenen Soldaten unfreiwilligerweise hinter sich brachten. Hinter vorgehaltener Hand war man sich einig: Paris ist sehr abgelegen und der König weit weg...

Das Périgord hatte im Mittelalter seine eigene Sprache, einen Dialekt des «Occitan», das in ganz Südfrankreich gesprochen wurde. Sprache ist immer auch Identität und Stolz. Die Herren in Paris sahen es als die Sprache der aufmüpfigen Bauern und wollten es zugunsten eines Einheitsfranzösisch unterbinden. Aber erst die Revolution setzte den Anspruch durch und im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde Französisch nach und nach die Amts- und Schulsprache in den Provinzen. In den Familien sprach man lange heimlich weiter Occitan, jetzt stirbt es aber wohl nach und nach aus.

Am ersten Sonntag im Juli findet alljährlich die «Félibrée» statt, das Fest der Traditionen und der verlorenen Sprache. Abwechslungsweise schmückt sich ein Ort und lädt alle Périgourdiner zum Fest ein. Sollten Sie auf keinen Fall verpassen, wenn Sie in der Zeit hier sind!

Die Sehnsucht nach dem Norden

Was jetzt kommt, gehört natürlich definitiv nicht hierher, ist mir aber persönlich wichtig. Denken Sie bei dieser Überschrift einfach an die Tausenden von Italienern, Türken, Portugiesen, eben Menschen aus armen Ländern, die zum Arbeiten nach dem Norden geholt wurden. Das Wirtschaftswunder rief und der Wunsch nach Arbeit und Verdienst rief die Männer in den Norden. Zuerst als Zeitarbeiter, in der Schweiz als «Saisonniers» bezeichnet, später auch mit ihren Familien verrichteten sie oft niedere Arbeiten.

Vergessen wir nicht, dass fast immer die Not zu Völkerwanderungen führte: Die Juden, die Zigeuner, die Hugenotten und viele andere wurden vertrieben, fanden irgendwo Aufnahme und brachten dem Gastland grossen Nutzen. Was sicher auch bei der ausgrenzend als «Asylanten» bezeichneten Menschengruppe von Bedeutung ist.

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