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Meine Gartenbahn: mit Liebe bauen und mit Freude spielen

Ich habe erst vor ein, zwei Jahren angefangen, an einer Gartenbahn herumzuträumen. Im Internet bin ich dann über die Zeitschrift GartenBahnen gestolpert und habe mir die noch lieferbaren Nummern bestellt. Ich trat in eine mir bisher fremde Welt ein, eine Welt voller Gestaltungsmöglichkeiten und grossem Spasspotenzial. Das Übergewicht an Dampf und Rauch habe ich mehr oder weniger überschlagen, denn ich wusste, dass ich da weder mitmachen wollte noch konnte. Und dann begegnete ich dem kurzen Briefwechsel, den ich unten zusammenfasse.
Hoppla, dachte ich, da ist ja haargenau die Spannung in der Gartenbahnergemeinde nachgezeichnet! Hier die «technischen Modellbauer» mit ihren Wunderwerken, dort der Rest der Welt, der anders ausgerichtet ist, der Spass und Freude, eben das Spiel sucht und die Sache etwas leichter nimmt. Auf diesen Seiten lesen Sie meine Gedanken zu diesem Dilemma; die Personen hinter den Briefen klammere ich dabei aus.

 

der Anlass

In den Nummern 4/05, 1/06 und 2/06 von Gartenbahnen erschien ein Briefwechsel zwischen zwei Gartenbahnern des Inhalts, was denn Gartenbahnerei und im besonderen Modellbau eigentlich sei.

  • Herr A stellt fest, dass GartenBahnen ziemlich dampflastig ist. Zwar gibt es hin und wieder Beiträge über Elektroloks, sie sind aber nicht so ausfühlich wie die über Dampfloks. Wo sind die Praktiker, die Feldbahner, die Spassbahner? Eben all jene, die nicht die grossen Vorbilder kopieren, sondern selber entwerfen wollen? Und jene, die gern schnell bauen und dann fahren?
  • Herr B stellt in seiner Antwort den Modellbau dem Basteln gegenüber und gibt seine Grundlinien für den Modellbau vor: Zeichnungen des Originals bilden die Basis, handwerkliche Fertigkeiten, eine Werkstatt und zwei rechte Hände sind die Voraussetzungen für den Erfolg. Alles übrige ist in seinen Augen basteln und damit weniger wertvoll.
  • Herr A fühlt sich zu Recht missverstanden: Er hat nach den Spassbahnern gefragt und will gar keinen Modellbau im Sinne von Herrn B betreiben. Und er wehrt sich dagegen, dass «der Dampfmodellbau die hohe Schule des Modellbaus sei». Wo sind die Gartenbahner, die Spass und Freude suchen in ihrem Hobby?

Herr Rabensdorf bricht dann die Diskussion ab. Schade, wie ich meine, denn sie ist wichtig und sollte öffentlich geführt werden.

Modellbauer oder Bastler?

Eine der Kernfragen ist die nach dem Verhältnis vom Modellbau zum Basteln. Und da scheinen im deutschen Sprachraum besondere Regeln zu gelten:

  • Bastler ist im deutschen Sprachraum ein abwertender Begriff, ein Bastler ist einer, der viel will, wenig kann und nichts Ernsthaftes zuwege bringt. Ein Blick ins ethymologische Wörterbuch klärt die Sache: basteln oder auch bästeln bedeutet seit dem 15. Jahrhundert mangelhaft zurechtmachen, ein Besteler war die Bezeichnung für einen Flickschuster.
  • Ich lebe in Frankreich und da ist ein bricoleur ein durchaus geachteter Mann. Die Baumärkte heissen hier Bricoloisir, Monsieur Bricolage oder Bricomarché, ihre Kunden sind die vielen Eigenheimbesitzer, die ihre Bleibe ohne die Hilfe eines Fachmanns selber im Schuss halten. Abwertend ist bricoleur nur, wenn man das Wort für einen professionel - einen Berufsmann - verwendet.
  • Auch im englischen Sprachraum ist ein hobbyist oder ein amateur einfach einer, der ausserhalb seiner Berufsarbeit einer Beschäftigung nachgeht, die ihm Freude macht und ihn entspannt - auch hier liegt keine Abwertung drin.

Mein Vorschlag zur Güte ist, dieses belastete und abwertende Wort zu vermeiden. Mit Modellbahner und Modellbauer stehen wertfreie Ausdrücke zur Verfügung. Und wenn die Abgrenzung zum Berufsmann wichtig ist, können wir Amateur verwenden.

Modellbauer bauen Modelle - aber was ist denn ein Modell?

Diese Umschreibung habe ich in der deutschen Wikipedia abgeschrieben:

Ein Modell ist ein Abbild der Wirklichkeit. [...] Es ist durch drei Merkmale gekennzeichnet:

  1. Abbildung. Ein Modell ist immer ein Abbild von etwas, eine Repräsentation natürlicher oder künstlicher Originale, die selbst wieder Modelle sein können.
  2. Verkürzung. Ein Modell erfasst nicht alle Attribute des Originals, sondern nur diejenigen, die dem Modellschaffer bzw. Modellnutzer relevant erscheinen.
  3. Pragmatismus. Pragmatismus bedeutet soviel wie Orientierung am Nützlichen. Ein Modell ist einem Original nicht von sich aus zugeordnet. Die Zuordnung wird durch die Fragen Für wen?, Warum? und Wozu? relativiert. Ein Modell wird vom Modellschaffer bzw. Modellnutzer innerhalb einer bestimmten Zeitspanne und zu einem bestimmten Zweck für ein Original eingesetzt. Das Modell wird somit interpretiert.

 
©AllAboardToys.com Nach obiger Definition ist das Vehikel im Bild rechts ohne Zweifel ein Modell: Es ist (1) das Abbild einer Dampflok, es erfasst (2) nicht alle Merkmale des Originals und es orientiert sich (3) an seinem Zweck, dem Spielzeug. Dass wir dieses seltsame Gebilde eindeutig als Dampflok erkennen, ist übrigens eine interessante Sache: Offenbar genügen dafür bereits ganz wenige charakteristische Einzelheiten wie Räder, Kessel mit Schornstein und Führerhaus. Unser Gehirn ergänzt mühelos und automatisch die fehlenden Teile - hier etwa Zylinder und Steuerung - und ordnet dem Ganzen den Begriff Dampflok zu. Interessiert? Lesen Sie zum Beispiel hier weiter: Wikipedia --> Gestalttheorie

Wenn also jemand auf Sie zukommt und behauptet: "Was Sie hier gebaut haben, ist für mich kein Modell einer Dampflok!", dürfen Sie diese Äusserung getrost überhören. Die Definition des Modells ist so unscharf und so weit, dass Ihr Werk nur sehr geringe Ähnlichkeit mit dem Vorbild haben muss, um als Modell durchzugehen.

Modellbauer sind oft Spezialisten und Perfektionisten

Machen Sie selber einmal einen Rundgang durchs Internet und die Fachzeitschriften und staunen Sie über die Detailkenntnisse der Autoren und ihre Ansprüche an die eigenen Modelle. In GartenBahnen staune ich immer wieder über die Sachkenntnis, mit der scheinbar unwichtige Details eines Dampfmodells diskutiert werden. Und ich betrachte fast ehrfürchtig die Bilder der akkuraten Modelle, die ja dann auch noch Züge ziehen können.

Wer so Modellbau betreibt, schränkt für sich die offene Modelldefinition ein: Er wählt ein Vorbidlfahrzeug und versucht, dieses möglichst genau und detailliert nachzubauen. Dagegen ist nichts einzuwenden, schwierig wirds erst, wenn er meint, seine Vorgehensweise sei die einzig richtige. Er vergisst dann, dass alle anderen Modellbauer das gleiche Recht geniessen, sich und ihren Modellbau selber zu definieren.

Um auf den obigen Briefwechsel zurückzukommen, können wir also wohl festhalten, dass in der Sache beide recht haben, denn beide sind Modellbauer und passen mit ihren Ideen durchaus in die offene Modelldefinition. Sie unterscheiden sich aber deutlich in der Zielsetzung und in den Ansprüchen an sich selber und an ihre Modelle. B scheint zu den Spezialisten und Perfektionisten zu gehören, für A stehen andere Werte im Vordergrund, in erster Linie der Spielwert seiner Gartenbahn. Ich denke, es ist für beide Platz genug da.

Wo sind die Spassbahner?

Bleibt noch die Frage nach der Dampflastigkeit von GartenBahnen, die A in seinen Briefen beklagt. Wie mir Herr Rabensdorf versichert, würde er der anderen Seite gern mehr Platz einräumen, wenn er nur Artikel bekäme. Über die Hintergründe dieser Zurückhaltung gibt es nur Vermutungen. Es ist aber naheliegend anzunehmen, dass viele den Mut nicht haben, ihre Werke neben diejenigen der Spezialisten und Perfektionisten zu stellen.


Ich danke Herrn Rabensdorf für die angeregte Diskussion, die er mit mir zum Thema dieses Artikels geführt hat.