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2015-10-27

Vorgeplänkel

Konrad Lorenz beschreibt in seinen Büchern sehr eindrücklich was passiert, wenn ein Enten­schwarm vom Boden abhebt. Es braucht dazu eine «Abflugstimmung», die zunächst nur einzelne Tiere haben. Diese hüpfen und schlagen mit den Flügeln, teilen so ihre Stimmung anderen Tieren mit und schliesslich ist der ganze Schwarm angesteckt und hebt vom Boden ab. Diese Schilderung kommt mir jedesmal in den Sinn, wenn ich daran zurückdenke, wie wir unseren Abflug aus der Schweiz organisiert haben. Von Auswandern war überhaupt nicht die Rede, wir wollten in die Frühpension gehen und unseren geheimen Wünschen Raum geben, aber die Schweiz verlassen, davon sprachen wir nicht. Es brauchte längeres Flügelschlagen und viele Hüpfer, bis wir reif waren für Puydort.

Müde im sozialen Beruf

In der Arbeit mit und für Menschen sollte man vor allem offen, geduldig und wach sein. Und zwar für den fünften oder sechsten gegen Abend ebenso wie für den ersten am Morgen. Wie man das über Jahre hinweg kann, habe ich nie herausgeunden - oft gelang es mir nicht einmal über einen Tag hinweg. Und mit der Zeit wurde es immer schwieriger, vor allem die Geduld begann mir abhanden zu kommen. Meine Gedanken eilten den Klienten voraus, statt ihnen zu folgen. Statt sie zu unterstützen, begann ich sie zu ziehen. Damit verletzte ich eine der Grundregeln des Beratungsgesprächs.

Abends diskutierten wir diesen schleichenden Verlust der Motivation, wussten aber nicht wirklich Rat. In Gesprächen mit Kollegen fühlte ich mich als Aussenseiter, offenbar war ich ein Einzelfall im Gewerbe. War es Zeit aufzuhören, die Karriere an den Nagel zu hängen? Oder gab es berufliche Alternativen, vielleicht die Supervision? Ich probierte es ein gutes Jahr lang und die Unlust und mit ihr die Unfähigkeit nahmen zu.

Eines Tages hatte ich einen ernsthaften Zusammenstoss mit einer Klientin. Sie fühlte sich überfahren und im Stich gelassen - ich musste ihr recht geben. Und mit einem Schlag wusste ich, dass ich aufhören wollte. Vor allem aufhören damit, anderen zu sagen, wie sie zu einem erfüllteren Leben finden könnten und selber tat ich keinen Schritt in diese Richtung. Aufbrechen aus diesem Sessel, aufbrechen aus der Bewegungslosigkeit, aufbrechen aus meiner Passivität, das könnte Befreiung und Neuanfang weden. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was das konkret heissen könnte.

Aufbruch ins Handwerk?

Arbeiten mit den Händen war schon immer meine andere Seite gewesen, die aber nie zum Beruf wurde. Mein Vater war Handwerker gewesen, mit ihm habe ich meine Hände lieben gelernt. Und jetzt ergab sich vielleicht eine Chance, meiner handwerklichen Seite mehr Raum zu geben. Und Margrit klinkte sich sofort ein: Ein Haus und eine Kuh, das war die Lösung: Ein Haus zum Renovieren und eine Kuh zum Füttern und Melken.

Hinterher tönt das ja einfach und naheliegend, es war aber ein langer Weg dahin. Und die zentrale Frage war immer eine ganz andere: Wollten wir es denn zusammen wagen? Würden wir einander ertragen? Würden wir durchhalten? Ideen und Wünsche waren in ausreichender Menge vorhanden, über die nötigen Vorkenntnisse machten wir uns wenig Gedanken, Veränderungsbereit waren wir beide und etwas Geld hatten wir auch - Herz was willst du mehr? Dass unser Projekt - so nannten wir unsere Pläne unterdessen - wohl einige Jahre dauern sollte, war uns durchaus klar. Ob wir aber den langen Atem haben würden, blieb offen.

Immerhin wussten wir jetzt, was wir suchen wollten: Ein möglichst wenig oder nicht restauriertes Haus in restaurationswürdigem Zustand mit etwas Umschwung für einen Garten und die Kuh. Ich will nicht versäumen, hier all jenen zu danken, die uns in irgend einer Weise ermutigt und geholfen haben: Freunde und Bekannte, zwar oft kopfschüttelnderweise, und die Autoren all der Bücher zum Thema, allen voran Ustinov und Seymour. Damit Sie jetzt nicht nach hinten blättern müssen um Ihre Ungeduld loszuwerden: Aus dem Haus wurde schliesslich ein von den Bauern verlassenes grosses Bauernhaus, aus dem Umschwung wurden zehn Hektaren Feld und Wald und aus der Kuh wurden zwanzig Mutterschafe, zehn Hühner und ein Entenpaar. Ausserdem natürlich Hund und Katz, Schwalben, Fledermäuse und anderes Kleingetier inkl Ratten...

Suche in der Schweiz...

Wir begannen also Zeitungsseiten aufzuschlagen, die man normalerweise nicht anschaut, den Liegenschaftenmarkt eben. Und wir fanden auch Angebote, verlangten Unterlagen und - erschraken zutiefst: Es war alles schlicht unerreichbar, entweder hässlich oder viel zu teuer!

Da war zum Beispiel ein kleinerer Bauernhof über dem Genfersee zum wohlfeilen Preis von einer Million. Aus dem bäuerlichen Ertragswert von 70'000 Franken und einem Nutzungs­konzept als Pferdezentrum für reiche Lausanner ergab sich offenbar spielend ein solcher Verkaufspreis. Dann war da ein Gehöft in der Südostecke des Aargaus für 750'000. Wir fuhren hin und erschraken: Ein Schattengüetli wie es Gotthelf hätte beschreiben können - nein, da wollten wir nicht hin. In Knonau war damals gerade die Umnutzung der alten Klosteranlagen im Gespräch, auch da liess ich mir die Unterlagen kommen. Die Aufgabe hätte uns reizen können, die Kosten waren jenseits aller unserer Vorstellungen. Und eigentlich wollten wir ja auch etwas anderes.

Die drei Beispiele deuten nur den Rahmen an, in dem alle diese Angebote lagen. Es wurde schnell klar, dass wir uns hätten verschulden und anschliessend für die Kapitalzinsen arbeiten müssen. Nein, so hatten wir uns das nicht vorgestellt! Wir wollten weder auf der faulen Haut liegen, noch uns für fremdes Geld ausbeuten. Gab es denn keine andere Möglichkeiten, irgend einen Mittelweg vielleicht?

...und jenseites der Landesgrenzen

Ich hatte heimlich schon länger an Frankreich gedacht, es war seit meiner Mittelschulzeit meine grosse Liebe. Gleich zwei Lehrer hatten uns ihre eigene Liebe eingeimpft: der Französisch- und der Geografielehrer, die Herren Quadri und Bernhard. Und schon in der Schulzeit hatten wir im Velosattel die ersten Eindrücke geholt. Frankreich war 1955 immer noch schwer vom Krieg gezeichnet, alles war billig und wir brauchten nur wenig Geld für zwei, drei Wochen Zeltferien.

Margrit fühlte sich stärker nach Italien gezogen, sprach Italienisch auch besser als Französisch und hatte eine italienischstämmige Freundin und eine blinde Leidenschaft für die italienische Küche. Ich weiss nicht mehr genau, warum Italien schliesslich aus dem Rennen fiel - vermutlich war meine kaum hinterfragte Begeisterung schuld. Ausserdem war Frankreich schon immer Hauptauswan­derungsland der Schweizer (was wir allerdings erst viel später erfuhren).

Selbstverständlich gab es noch andere Destinationen: Spanien natürlich, das zu jener Zeit gerade von den Deutschen überschwemmt wurde, und Madagaskar, wo eine meiner Klientinnen in der Entwicklungshilfe gearbeitet hatte. Auch Deutschland war eine Idee, denn da hätten wir keine Sprachprobleme gehabt, oder Österreich. Nein - über allem Hin-und-Her wurde es immer klarer: Frankreich sollte es sein! Und so fuhren wir dann eben in den nächsten Jahren mehrmals nach Frankreich in die Ferien, ins Massif Central, in die Auvergne und in die Dordogne. Wie der Entscheid für gerade diese Region zustande kam, weiss ich nicht mehr, aber er war schicksalshaft: Hier würde die zweite Hälfte unseres Lebens stattfinden.

Irgendwie hat sich Margrit dabei wohl mit dem FR-Virus angesteckt, denn wir haben den Entscheid niemals neu diskutiert. Auf der zweiten oder dritten Fahrt hatte uns die 'Abflugstimmung' offenbar bereits so gepackt, dass wir anfingen, nach Häusern Ausschau zu halten. Und es war auf dieser Fahrt, dass wir unserem zukünftigen Zuhause zum ersten Mal begegneten. Zu jener Zeit begann die Schweiz gerade, sich Europa gegenüber stärker zu öffnen. Die Abstimmung über den Beitritt zur EU lag in der Luft und Frankreich schien ganz nah. Der Schweizer Franken war stark, er war vier Französische Francs wert, und in Frankreich begann das Bauernsterben, es gab Häuser zu Schleuderpreisen. Die Schaufenster der Agents Imobiliers waren voll, die Verkäufer warteten jahrelang auf einen Aquéreur. Wer nicht zugriff war selber schuld!

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